Pressestatement zur ARD-Umfrage zu digitaler Ausstattung an Schulen
Quelle: Screenshot von wdr.de/schule/digital/

Pressestatement zur ARD-Umfrage zu digitaler Ausstattung an Schulen

Zur heute veröffentlichten Umfrage des WDR zur ARD-Themenwoche “Zukunft Bildung”, wonach viele Lehrkräfte und Schüler*innen die digitale Ausstattung bemängeln, erklärt Margit Stumpp, bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und Bundestagsabgeordnete für Aalen-Heidenheim:

“Die Umfrageergebnisse wundern nicht: Der Digitalpakt wurde vor sechs Jahren angekündigt und sorgte dafür, dass viele Schulträger ihre Investitionen erst einmal ruhen ließen nach dem Motto: “Unsere Mittel reichen ohnehin nicht. Wenn wir das Falsche machen, bekommen wir keine Förderung.” Das rächt sich nun, weil auch klar wird, dass der Digitalpakt hinten und vorne nicht reichen wird. Zu wenig Geld, keine Sicherheit nach Ablauf der Förderfrist, keine Berücksichtigung von IT-Fachpersonal in den Förderrichtlinien. Dieses halbherzige Vorgehen des Bundes verspielt viel Vertrauen und ist kontraproduktiv. Das Ergebnis wäre noch deutlich schlechter ausgefallen,  wenn nicht dennoch Schulen und Träger  mit Weitblick und Ressourcen ihre (digitale) Entwicklung vorangetrieben hätten. Dies zeigt: Wir brauchen dringend einen modernen Bildungsföderalismus, bei dem Bund, Länder und Kommunen gemeinsam für beste Bildung und Chancengerechtigkeit sorgen.”

Meine Rede zur Bildungsgerechtigkeit
Screenshot bundestag.de

Meine Rede zur Bildungsgerechtigkeit

Um die Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem steht es schlecht. In kaum einen anderen Land entscheidet die soziale Herkunft so stark über den Bildungserfolg als bei uns. Das aktuelle “Brennpunktschulprogramm” der Bundesregierung ist eine Farce: mit einem geringen Budget werden über zehn Jahre Forschung und Evaluation finanziert anstatt endlich die Problem anzugehen. Dass wir kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem haben, habe ich auch in meiner Rede dazu im Bundestag deutlich gemacht:

Zeitgemäßer Kinder- und Jugendmedienschutz
Lizenz: CC 0 (Pixabay)

Zeitgemäßer Kinder- und Jugendmedienschutz

Auf Anfrage der WELT AM SONNTAG äußerte ich mich als bildungs- und medienpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, zum Jugendmedienschutz wie folgt:

“Es braucht endlich einen zeitgemäßen Kinder- und Jugendmedienschutz und eine Präventionsstrategie, um die digitale Welt für Kinder und Jugendliche sicher zu gestalten. Neben einem effektiven Schutz vor gefährdenden Inhalten müssen Kinder und Jugendliche befähigt werden, sich kritisch und kompetent im Digitalen zu bewegen. Zur digitalen Bildung gehört neben der reinen Anwendungskompetenz zweierlei: Zum einen das technischen Wissen, um die Funktionsweisen und Wirkungen digitaler Technologien zu verstehen, und zum anderen die Fähigkeit, die großen Mengen an Informationen in der digitalen Welt bewältigen, filtern und einordnen zu können.

Im Schulbereich braucht es multiprofessionale Teams aus Pädagogen, Schulsozialarbeitern und Psychologinnen und mehr technisches Personal, um die Lehrkräfte zu entlasten. Ich plädiere für die Schaffung einer „Bundeszentrale für digitale und Medienbildung“, die als unabhängige Plattform bestehende Angebote der Medienbildung prüft, bündelt und bekannt macht. Sie könnte sich um die finanzielle und konzeptionelle Unterstützung medienpädagogischer und digitalpädagogischer Projekte kümmern, sollte bestehende Ideen und Erfahrungen vernetzen und könnte auch die Evaluation und Begleitforschung von Projekten koordinieren.”

HIER geht es zur Online-Version des entsprechenden Artikels in der WELT AM SONNTAG. Auch die Rheinische Post, die ZEIT, die Wirtschaftswoche und die Presse Augsburg berichten darüber online.

Vernichtendes Zeugnis für die “Bildungsrepublik”

Vernichtendes Zeugnis für die “Bildungsrepublik”

Der sichere Umgang mit Computer- und Informationstechnik ist für die gesamte Bildungsbiographie besonders wichtig. Die Medienkompetenzen von Schülerinnen und Schülern der achten Klasse werden von der internationalen Vergleichsstudie “ICIL” erfasst. Zur heutigen Veröffentlichung der Ergebnisse erklärt Margit Stumpp, Sprecherin für Bildungspolitik:

„Die ICIL-Studie stellt Deutschland ein vernichtendes Zeugnis aus: keine Kompetenzverbesserungen in den letzten fünf Jahren, ein Drittel der Schüler*innen verfügen nur über Grundkenntnisse! Zudem rudimentäre IT-Infrastruktur und -Ausstattung und Schlusslicht bei der regelmäßigen Nutzung von digitalen Medien im Unterricht. Besonders verheerend: Das Kompetenzniveau ist stark abhängig vom soziökonomischen Hintergrund des Elternhauses und schreibt damit die Bildungsungerechtigkeit auch im Digitalen weiter. Damit dürfen wir uns nicht abfinden.

Es zeigt sich, dass digitale Fähigkeiten nicht vom Himmel fallen oder durch die Nutzung von Smartphones und Tablets automatisch erlernt werden. Digitale Kompetenzen und der kritische Umgang mit Medien müssen vielmehr Kern des Bildungsauftrags werden und sich über die komplette Bildungskette erstrecken; altersgerechte Medienbildung beginnt selbstverständlich bereits in der Kita. Es ist entscheidend, dass alle Pädagogen und Lehrerinnen in digitaler Kompetenzvermittlung aus- und weitergebildet sind. Hier zeigt ICILS den enormen Nachholbedarf. Bund und Länder müssen gemeinsame ihre Anstrengungen bündeln und verstärken. Hier könnte auch eine “Bundeszentrale für digitale und Medienbildung” helfen, in dem qualitätsgesicherte Angebote zur Verfügung gestellt werden und ein Überblick über die vielen bestehenden Angebote ermöglicht wird. Als unabhängige Plattform könnte sie bestehende Angebote prüfen, bündeln und bekannt machen. Daneben sollte diese Bundeszentrale medienpädagogische Projekte unterstützen und Begleitforschung koordinieren.

Guter und moderner Unterricht braucht gut ausgestattete Schulen, d.h. Breitband WLAN, Schulclouds, Lernplattformen und Endgeräte. Auch hier legt die ICIL-Studie den Finger in die Wunde und macht deutlich, was in den letzten Jahren alles versäumt wurde. Der Digitalpakt wird dieser Mammutaufgabe nicht gerecht, weil er sowohl befristet und zu klein geraten ist als auch die Kommunen mit der Wartung alleine lässt. Es braucht an jeder Schule IT-Personal und Medienpädagog*innen. Statt sich weiterhin hinter dem Kooperationsverbot zu verstecken, muss jetzt ein moderner Bildungsföderalismus etabliert, in die Zukunft investiert und die Bildungsinfrastruktur ausgebaut werden.

Klar ist auch: Die Technik folgt der Pädagogik. Lehrkräfte müssen in der Lage sein zu beurteilen, wann sie digitale Medien oder ein analoges Setting nutzen. Das gelingt nur mit besserer Aus- und Weiterbildung.

Wichtig ist auch das Empowerment von Mädchen und jungen Frauen, die höhere Kompetenzen aufweisen. Leider spiegelt sich das nicht in der Berufs- und Studienwahl wider. Es gilt, junge Frauen früh und aktiv für den MINT-Bereich als Zukunftsperspektive zu begeistern und ihre Potential besser zu fördern.

Die Studie zeigt, dass die neuen Technologien keine der Schwächen des deutschen Bildungssystems angehen: Soziale Herkunft, Geschlecht und Schulform bleiben weiterhin bestimmend für den Lernerfolg. Die riesigen Potenziale der neuen Technologien für die individuelle Förderung von jungen Menschen und damit für mehr Chancengerechtigkeit bleiben komplett ungenutzt. Das ist frustrierend und unverantwortlich.“

Das Statement wurde unter anderem von news4teachers, der Nordwest Zeitung, der Welt, den Potsdamer Neusten Nachrichten, dem Bildungsblog von Jan-Martin Wiarda, dem Handelsblatt und der Süddeutschen Zeitung aufgegriffen.

Pressemitteilung: Lernschwäche, Peinlichkeiten und eine verheerende Halbzeitbilanz

Pressemitteilung: Lernschwäche, Peinlichkeiten und eine verheerende Halbzeitbilanz

Zwei Jahre Bildungsministerin Anja Karliczek

Zur bildungspolitischen Halbzeitbilanz  der Bundesregierung erkläre ich als Sprecherin für Bildungspolitik der Bundestagsfraktion Bündnis90/Die Grünen:

„Die Bildungspolitik, in Sonntagsreden stets höchster Bedeutung versichert, fristet in der Bundesregierung ein trauriges Schattendasein mit dramatischen Folgen. Eine Ministerin, die zuhören und lernen wollte, findet aus diesem Modus nicht heraus. Das eigene Unwissen versucht sie mit Beiträgen in anderen Bereichen zu kompensieren und macht dabei selten eine gute Figur: schnelles Internet nicht an jeder Milchkanne; Zweifel am Kindeswohl bei homosexuellen Eltern, Fortschritt nur im Einklang mit einem christlichen Menschenbild oder der Rat an arme Studierende, doch nicht in den teuren Städten zu studieren. Hinzu kommt die Vergabe der Batteriezellenfabrik in ihre Heimat, auch das mit mehr als nur einem Geschmäckle.

Und was wurde in zwei Jahren in der Bildungspolitik erreicht, gerade im Hinblick auf den Koalitionsvertrag?

Digitalpakt Schule – Chance vertan

Auch wenn der Digitalpakt inzwischen existiert, ist er alles andere als eine Erfolgsgeschichte: Die große Chance wurde vertan, mit der Lockerung des Kooperationsverbotes einen modernen Bildungsföderalismus zu etablieren, bei dem Bund, Länder und Kommunen gemeinsam für beste Bildung und Chancengerechtigkeit sorgen. Stattdessen mal wieder der berühmte kleinste gemeinsame Nenner mit einer Projektfinanzierung ohne Perspektive, ohne nennenswerte Verbesserungen im föderalen Gefüge und ohne Vision einer modernen Schulbildung. Das mangelnde politische Gewicht der Ministerin musste vom Finanzminister in den Verhandlungen mit den Ländern kompensiert werden, um überhaupt zu einer Einigung zu kommen. Und fest steht: Der Digitalpakt ist nicht mehr als eine Anschubfinanzierung für die dringend benötigte Digitalisierung der Schulen. Aber sie wird verpuffen, wenn die Anschlussfinanzierung nicht gesichert ist. Es besteht die große Gefahr, das teure Technik nicht gewartet wird und ungenutzt in der Ecke verstaubt. So sieht keine moderne und zukunftsfähige Bildungspolitik aus.

Misserfolg Nationaler Bildungsrat

Der Bildungsrat sollte für mehr Transparenz, Qualität und Vergleichbarkeit im Bildungswesen sorgen. Ein hehres Ziel, das in der Gemengelage von Kooperationsverbot, Kultusministerkonferenz und Länderbefindlichkeiten diplomatisch geschickt austariert werden muss. Doch die Ministerin prescht mit einem unausgegorenen und nicht abgestimmten Vorschlag öffentlich vor und verprellt auch noch die ihr gewogensten Ministerpräsidenten. Nach viel zerschlagenem Porzellan und zähen Verhandlungen im Hinterzimmer sind es inzwischen ausgerechnet die Landeschefs und Bildungsminister der Union, die den Bildungsrat sabotieren. Michael Kretschmer aus Sachsen und Markus Söder aus Bayern haben gerade signalisiert, in der jetzigen Form den Bildungsrat nicht mitzutragen. Das war’s dann wohl.

Rechtsanspruch auf Ganztag – keine Einigung, kein Geld, keine Idee

Ich begrüße es außerordentlich, einen Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung im Grundschulalter einzuführen. Doch auch hier hakt es an mehreren Stellen: Die gemeinsame Verantwortung der Ministerinnen Karliczek und Giffey ist eher von Verhindern als von Lösungsorientierung geprägt; die Finanzzusagen des Bundes sind kümmerlich und angesichts der Investitionsbedarfe eine Frechheit gegenüber Ländern und Kommunen, die für die Umsetzung Verantwortung tragen und weiterhin offen bleibt die Frage, woher die vielen Fachkräfte kommen sollen, die heute schon an allen Ecken fehlen. Ich habe wenig Hoffnung, dass dieses Versprechen aus dem Koalitionsvertrag von dieser Regierung noch realisiert werden kann.

Brennpunktschulen brauchen weit mehr als nur Begleitforschung

Das Kernproblem deutscher Bildungspolitik ist weiterhin die Tatsache, dass der Bildungserfolg noch immer sehr an den Bildungshintergrund des Elternhauses gekoppelt ist. Das wird in sogenannten Brennpunktschulen augenscheinlich, die oftmals mehr den Mangel verwalten als Chancen zu eröffnen. Da ist es geradezu eine Farce, dass das vorige Woche angekündigte Bund-Länder-Programm „Schule macht stark“ nun über zehn Jahre mit jährlich mickrigen 12,5 Millionen Euro Forschung und Evaluation betreiben will. Dabei liegen die Lösungen auf der Hand: mehr Ressourcen, kleinere Klassen, bessere Räume und Ausstattung, gemischte Schüler*innenschaft, multiprofessionelle Teams an den Schulen zur Entlastung der Lehrkräfte und längeres gemeinsames Lernen. Besser als mit diesem Programm kann man nicht signalisieren, dass Bildungsverlierer*innen keine ernst gemeinte Förderung von dieser Bundesbildungsministerin erwarten können – ein Armutszeugnis.

Die Lernkurve der Ministerin zeigt leider nicht nach oben, das Zuhören scheint wenig gefruchtet zu haben. Ausbaden müssen dies Schüler*innen, Lehrkräfte und Eltern, die aus Berlin weiterhin kaum unterstützt werden, gute Bildung für alle jungen Menschen und echte Chancengerechtigkeit zu realisieren. Anstatt einen modernen Bildungsföderalismus zu entwickeln, scheint die Bildungsministerin die Schulbildung lieber vollständig den Ländern zu überlassen, die nicht selten überfordert sind. Vom angekündigten „Schulterschluss von Bund und Ländern“ ist nichts zu spüren, eher im Gegenteil. Länder und Kommunen werden alleine gelassen. Die „Bildungsrepublik Deutschland“, die vor inzwischen elf Jahren von der Kanzlerin ausgerufen wurde, rückt in immer weitere Ferne. Das ist alarmierend.“

Mein Interview im Deutschlandfunk zu “Schule macht stark”

Mein Interview im Deutschlandfunk zu “Schule macht stark”

Bereits gestern habe ich mich kritisch zur neuen Bund-Länder-Initiative “Schule macht stark” geäußert. Diese Kritik habe ich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk für die Sendung Campus & Karriere nochmals breiter ausgeführt.

Das Interview gibt es zum Nachhören auf deutschlandfunk.de
oder zum Nachlesen hier:

„Die Ministerin hat von der Praxis keine Ahnung“

Margit Stumpp (Grüne) hat das von der GroKo erarbeitete Unterstützungsprogramm für Brennpunktschulen scharf kritisiert. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) verstecke sich „hinter plakativen Aktionen, die den Schulen vor Ort in keinster Weise weiterhelfen“, sagte die Oppositionspolitikerin im Dlf.

Margit Stumpp im Gespräch mit Lena Sterz

Lena Sterz: Die Große Koalition will Schulen in Brennpunkten stärker unterstützen, und uns interessiert natürlich, was die Opposition von diesen Plänen hält. Ich habe die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Margit Stumpp, gefragt, ob die Meldung über mehr Geld für Brennpunkt-Schulen für sie eine gute Nachricht ist.

Margit Stumpp: Also das hört sich plakativ zunächst mal gut an, aber man muss etwas mehr lesen als die Überschrift, dann erkennt man ganz schnell, dass die Unterstützung darin besteht, dass man noch etwas mehr forschen und evaluieren möchte, und Forschung und Evaluierung, zu diesem Punkt haben wir eigentlich genug. Die Bundesbildungsministerin möchte endlich Geld in die Hand nehmen und ein Programm erarbeiten, um die Schulen konkret vor Ort tatsächlich unterstützen zu können.

„Das Geld kommt bei den Schulen überhaupt gar nicht an“

Sterz: Ja, sie nimmt ja jetzt 25 Millionen pro Jahr in die Hand. Das ist doch gar nicht so wenig, oder?

Stumpp: Das kommt bei den Schulen überhaupt gar nicht an. Wir haben gemeinsam, die Fraktion und ich, schon im letzten Jahr einen Haushaltsantrag gestellt, dass man mindestens 500 Millionen in den nächsten Haushalt einstellen muss, aufwachsend auf eine Milliarde, um tatsächlich die Schulen vor Ort mit Ressourcen zu unterstützen. Diese 25 Millionen sollen ja nur wieder in Forschung und Evaluation fließen.

Also da kommt bei den Schulen kein Euro an, der irgendwie zur Verbesserung der Situation, die reichlich erforscht und evaluiert ist, beiträgt. Und wir haben ja das Grundgesetz geändert, wir haben im 104c Möglichkeiten aufgemacht, dass die Ministerin ein Programm auflegen kann, dass sie vor allem auch personelle Ressourcen mit unterstützen kann. Diese Möglichkeit nutzt sie nicht, sondern sie versteckt sich wieder hinter plakativen Aktionen, die den Schulen vor Ort in keinster Weise weiterhelfen.

Sterz: In dem Programm ist auch die Rede davon, dass Disziplinprobleme und Unterrichtsstörungen ein großes Problem seien von Lehrern in diesen schwierigen Vierteln und schwierigen Lagen. Das klingt ja erst mal so, als sei man da wirklich nah dran an den Problemen der Praxis und versuche, die wirklich zu lösen. Aber Sie meinen, dass man, wenn man sich erst mal anschaut, was die Schulen genau benötigen, dass das die gar nicht weiterbringt?

Stumpp: Wir haben Kinder, die mit unterschiedlichsten Belastungen vielleicht auch aus überforderten Familien in die Schulen kommen, und da hilft Schulsozialarbeit, da hilft Begleitung, da hilft die Entlastung von Lehrkräften, von Administrative, und diese begleitenden Aufgaben, sich noch mal um die Familien zu kümmern, noch mal hinterherzulaufen, das können interdisziplinäre Teams gut machen, wo Schulsozialarbeit, wo Erzieherinnen und Erzieher vernetzt sind, die sich dann um die Problemlagen der Schülerinnen und Schüler kümmern.

Das sind aber Maßnahmen, die muss man angehen und die kosten Geld. Nur noch mal draufzuschauen und nur noch mal zu analysieren, dass es hier verschärfte Problemlagen gibt, das nützt dem Lehrer und der Schülerin, die in der Klasse zusammen weiterkommen wollen, nichts.

„Pleiten, Pech und Pannen“

Sterz: Bundesbildungsministerin Anja Kaliczek hat das das Ganze sogar Neuland für die Bildungsrepublik Deutschland genannt. Ist es das Ihrer Meinung nach oder was denken Sie, wenn Sie das hören?

Stumpp: Also da muss ich sagen, die Ministerin hat von der Praxis keine Ahnung. Diese Aussage, die würde ich dann schon in die Abteilung Pleiten, Pech und Pannen eingruppieren. Das ist kein Neuland, das ist Alltag, und ich habe über 25 Jahre lang unterrichtet an einer beruflichen Schule, das ist eine Problemlage, die wir alle, die aus der Praxis kommen, schon sehr lange kennen. Wenn das Neuland ist für die Ministerin, dann hat das die gleiche Qualität wie wenn Internet Neuland ist, und die gleiche Qualität der Breitbandversorgung an Milchkannen, dann kann ich das nur als weitere verbale Pleite bezeichnen. Das wäre dann doch gut, wenn sie sich mal in der Praxis kundig machen würde.

Quelle: deutschlandfunk.de

Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsdefizit
Quelle: Pixabay CC0

Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsdefizit

Zur heute vorgestellten Bund-Länder-initiative “Schule macht stark” erkläre ich als Sprecherin für Bildungspolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen:

“Besser spät als nie, aber wieder einmal unzureichend: Ministerin Karliczek braucht mehr als die halbe Wahlperiode, um sich der Schulen in benachteiligten sozialen Lagen anzunehmen, und dann tut sie es nicht einmal halbherzig. Begleitforschung und Evaluierung alleine helfen den Schulen nicht. Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsdefizit! Noch einmal fünf Jahre Forschung sind wieder fünf Jahre verlorene Zeit für Schülerinnen und Schüler. Der Bund muss endlich einen wirklichen Beitrag für beste Schulen und Chancengerechtigkeit leisten.

Was zu tun wäre? Bereits im letzten Haushaltverfahren habe ich gemeinsam mit der grünen Bundestagsfraktion ein Sonderinvestitionsprogramm in Höhe von 500 Millionen Euro jährlich gefordert. Inzwischen wurde – wegen des Digitalpakts – sogar das Kooperationsverbot ein wenig geöffnet, was die Möglichkeiten des Bundes erweitert, die Länder bei Bildungsaufgaben zu unterstützen. Diese Chance muss endlich genutzt werden, damit die kommenden fünf Jahre keine verlorenen Jahre werden!”

Dieses Statement wurde unter anderem von ntv, news4teacher und dem Tagesspiegel aufgenommen.

Einladung zur Tagung “Digital Natives? Aufwachsen in der vernetzten Welt”
Quelle: Pixabay CC0

Einladung zur Tagung “Digital Natives? Aufwachsen in der vernetzten Welt”

am 8. November 2019 in Berlin

Kinder und Jugendliche wachsen heute ganz selbstverständlich in einer digitalisierten Welt auf. On- und offline Zeiten lassen sich immer weniger unterscheiden, weil digitale und analoge Welten ineinander übergehen. Während die Fünfjährige zum Zeitvertreib auf dem Tablet spielt, schreibt sich der Zehnjährige online Nachrichten mit seinen Freunden und die Vierzehnjährige produziert eigene Videos, die sie auf einer Online Plattform hochlädt. Schritt für Schritt entdecken Kinder und Jugendliche die digitale Welt und sollten dort – genauso wie in der analogen Welt – nicht von heute auf morgen auf sich selbst gestellt sein. Je erfahrener und kompetenter junge Menschen werden, desto weniger Schutz brauchen sie und desto besser und risikobewusster können sie die Chancen digitaler Angebote nutzen.

Gemäß UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder und Jugendliche ein Recht auf Schutz, Förderung und Partizipation. Das schließt auch den digitalen Raum mit ein. Sie brauchen deshalb ein digitales Umfeld, in dem sie Angebote und Dienste kompetent und selbstbestimmt nutzen können und vor möglichen Risiken geschützt sind.

Gemeinsam mit Euch und Ihnen wollen wir darüber diskutieren, wie Kinderrechte in der digitalen Welt mit Leben gefüllt werden können. Wie können Kinder und Jugendliche dazu befähigt werden, sich kritisch und kompetent in der digitalen Welt zu bewegen? Was gehört in ein modernes Jugendschutzgesetz? Wie werden Schulen kompetent für die digitale Bildung? Wie können Kinder vor Kriminalität im Netz geschützt werden? Gehören Kinderfotos ins Netz und braucht es ein Recht auf Vergessen? Benötigen alle Kinder eine digitale Grundausstattung?

Ich werde in der WorldCafé-Phase über Digitale Lernorte diskutieren und die Frage: Was soll Schule leisten und wie muss sie ausgestattet sein?

Wir möchten Euch und Ihnen unsere Ideen vorstellen und laden herzlich dazu ein, gemeinsam mit zahlreichen ExpertInnen Wege und Bedingungen für ein gutes Aufwachsen in der digitalen Welt zu diskutieren!

Weitere Informationen:

Demokratie muss Schule machen – Gastbeitrag in FR

Demokratie muss Schule machen – Gastbeitrag in FR

Mein Gastbeitrag im Wortlaut für die Frankfurter Rundschau vom 14.10.2019. Die Bildungspolitik sollte die Impulse der Demonstrationen für Klimaschutzaufnehmen, um Schule und Unterricht weiterzuentwickeln.

Die Zeit rennt, ihr pennt“ oder „Warum lernen, wenn es keine Zukunft gibt“ steht auf den selbst gemalten Plakaten junger Klimaaktiver, die in Deutschland und weltweit seit nunmehr einem Jahr zu Hundertausenden auf die Straße gehen.

Am globalen Aktionstag gab es weltweit unzählige Aktionen mit einer enormen Beteiligung. Die jungen Menschen demonstrieren für eine lebenswerte Welt von morgen und akzeptieren es nicht länger, dass ihre Zukunft durch politische Untätigkeit verspielt wird. Dafür nehmen sie mit dem Schulschwänzen auch bewusst persönliche Konsequenzen in Kauf, um ihr Anliegen zu verstärken.

Die Klimaproteste sind für mich gelebte Demokratie. Denn Demokratie funktioniert nicht als theoretisches Konstrukt, sondern muss erlebt und im Alltag erfahren werden. Es geht dabei um Haltung, Kritik und einen klaren Wertekompass.

Wenn wir uns die demografische Entwicklung anschauen, verwundert es nicht, dass sich öffentliche Debatten weit mehr um Rente oder Gesundheit kümmern als beispielsweise um Bildung, Zukunftschancen oder den Erhalt unserer gemeinsamen Lebensgrundlagen.

Die Älteren dominieren die Wahlurnen und somit auch die Debatten. Eine Absenkung des Wahlalters wäre ein erster wichtiger Schritt, um das politische Gewicht zwischen den Generationen wieder etwas mehr in Balance zu bringen. Einige Bundesländer sind hier schon Vorreiter, wenn auch nur bei Landtags- und Kommunalwahlen. Das muss sich ändern.

Daneben ist auch die Bildungspolitik gefragt, diese demokratischen Impulse aufzunehmen, zu verstärken und zu verfestigen. Zuerst fällt einem natürlich der Politikunterricht ein, der in den Bundesländern höchst unterschiedlich gewichtet ist. Hier wäre es Aufgabe der Bundesländer und der Kultusministerkonferenz, politische Bildung sowohl als Unterrichtsfach als auch als Querschnittaufgabe weiter auszubauen.

Schulen brauchen außerdem mehr Flexibilität und Freiräume, um Demokratie- und Werterziehung erlebbar zu machen. Der hessische Koalitionsvertrag macht vor, wie das gelingen kann: Es wurde vereinbart, dass Schulen eigene Konzepte umsetzten können, mit denen Schülerinnen und Schüler über den Unterricht mitentscheiden können. Zudem wird ein durchgängiger Politikunterricht auf allen weiterführenden Schulen sichergestellt.

Ein gewinnbringender Politikunterricht braucht selbstverständlich auch bestens ausgebildete Lehrkräfte. Ich plädiere für ein verbessertes demokratiepädagogisches Angebot in allen Phasen der Lehramtsaus- und – weiterbildung. Die Qualitätsoffensive Lehrerbildung, die der Bund finanziert, könnte dies zum Schwerpunkt machen. Demokratie muss also sowohl Ziel als auch Gegenstand des Unterrichts werden.

Zum zweiten müssen wir auch die Schule als Institution demokratisieren: Es braucht eine Schulkultur auf Augenhöhe und Möglichkeiten echter Mitbestimmung und Beteiligung. Ich stelle mir Stimmrechte für Schülerinnen und Schülern bei organisatorischen Fragen beispielsweise in der Schulkonferenz vor, Streitschlichtungsprojekte oder selbstverantwortete Lernzeiten. Die Vertretungen von Schülerinnen und Schülern sollten Ressourcen und feste Mitspracherechte bekommen.

Das Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung zeigt genauso wie „Engagement lernen“ viele Wege auf, sich in und außerhalb der Schule einzubringen, Engagement zu lernen und Demokratie konkret zu erleben. Beide Konzepte sollten sich in den Lehrplänen stärker als bisher wiederfinden.

Die engagierten jungen Menschen auf den Straßen widerlegen gerade sehr eindrücklich das Bild einer desinteressierten und faulen Jugend, die bereits Aristoteles fälschlicherweise vor über 2000 Jahren mit den Worten attestierte: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“

Ich hingegen habe große Hoffnung in die jungen Menschen, freue mich über ihre politische Leidenschaft und appelliere an uns Entscheidungsträger, jetzt auch konsequent und nicht nur symbolisch zu handeln, sowohl in der Klima- als auch in der Bildungspolitik.

Die Bundesregierung hat mit ihrem sogenannten Klimapaket eine entscheidende Weichenstellung verbockt. Wir werden alle unsere Möglichkeiten nutzen, um tatsächlich wirksame Maßnahmen für mehr Klimaschutz zu erreichen.

Pressestatement zum IQB Bildungstrend 2018
Quelle: Margit Stumpp (CC BY-NC-ND 4.0)

Pressestatement zum IQB Bildungstrend 2018

Margit Stumpp, bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen erklärt zum heute veröffentlichten IQB Bildungstrend 2018:

“Die IQB-Vergleichsstudie zeigt, dass sich der Bildungstrend kaum verändert hat. Das liegt aber vor allem daran, dass drei bevölkerungsreiche Länder mit guten Ergebnissen die negativen Trends vieler anderer Länder ausgleichen können. Das kann die Probleme nur kurzfristig überdecken. Und die Herausforderungen für das Bildungssystem wachsen: Lehrkräftemangel, mehr Heterogenität in den Klassen, Digitalisierung, Inklusion und Integration. Es wird höchste Zeit für einen modernen Bildungsföderalismus, mit dem sowohl Bund als auch Länder und Kommunen gemeinsam für die beste Bildung und Chancengerechtigkeit sorgen.

Für Baden-Württemberg zeigt sich deutlich, dass das Gymnasium sein exklusives Bildungsversprechen nicht mehr einhalten kann. Das muss man nicht beklagen, sondern vielmehr konsequent dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler länger gemeinsam lernen können. Eine Konsequenz aus dem IQB-Bildungstrend muss sein, die Gemeinschaftsschule im Land weiter und konsequent zu stärken.”

Das Statement wurde unter anderem vom zwd Politikmagazin aufgenommen.