Nicht schon wieder den Sommer verpennen!

Was unsere Schulen und Schüler*innen jetzt brauchen

Die Corona Pandemie trifft uns alle, aber sie trifft uns nicht alle gleich. Kinder und Jugendliche hatten größere Einschränkungen zu stemmen als die meisten Erwachsenen. Und die Bildungsschere öffnet sich weiter; die Benachteiligten werden noch weiter abgehängt. Inzwischen stehen wir vor der vierten Pandemiewelle, die ansteckendere Delta-Variante breitet sich immer weiter aus und doch müssen wir über Selbstverständlichkeiten diskutieren, nämlich, wie wir das Recht auf Bildung auch nach dem Sommer sicherstellen. Zur Erinnerung: Über Parteigrenzen herrschte der Konsens, dass alles unternommen werden müsste, damit nicht wieder Kinder und Jugendliche durch Schulschließungen das gemeinsame Lernen und soziale Entwicklung vorenthalten werden. Dann muss jetzt auch entschlossen gehandelt werden, Lippenbekenntnisse reichen schon lange nicht mehr.

Ich plädiere dafür, die vorhandenen Instrumente klug zu kombinieren, um Präsenzunterricht zu sichern und Schulschließungen zu verhindern. Dafür brauchen wir jetzt schnell einen Kita- und Schulgipfel, der alle Beteiligten an einen Tisch bringt und schnelle Maßnahmen verabredet.

1) Luftreiniger

Das Umweltbundesamt hat seine Empfehlungen gerade überarbeitet und empfiehlt mobile Luftreiniger als wichtigen Baustein, um die Virenlast in der Raumluft signifikant zu reduzieren. Ich fordere seit dem letzten Herbst, dass der Bund die Länder und Kommunen an dieser Stelle unterstützt. Das gilt insbesondere für Klassenzimmer, die sich nicht stoßlüften lassen. Ich freue mich, dass die neue Kultusministerin in Baden-Württemberg 60 Millionen Euro für Luftfilter zur Verfügung stellt, die über die Ferien beschafft werden können. Andere Länder sollten dringend folgen.

2) Impfen

Kinder unter 12 Jahren sind besonders gefährdet, weil für sie (noch) kein Impfstoff zugelassen ist. Solange das so ist, bietet den größten Schutz für sie ein Umfeld, das geimpft ist, also Eltern, ältere Geschwister, Erzieher*innen und Lehrkräfte. Die jungen Menschen brauchen einen sicheren Kokon, der Infektionen möglichst unwahrscheinlich macht. Sollte die Impfbereitschaft zu wünschen übrig lassen, sollten stattliche Stellen stärker aufklären, sensibilisieren und motivieren. Eine Impfung schützt sowohl individuell als auch die Kinder und Jugendlichen und hilft, die Pandemie einzudämmen. Eine Impfpflicht bewerte ich kritisch, weil kontraproduktiv. Ziel bleibt die Herdenimmunität, auch und gerade um die zu schützen, die sich nicht impfen lassen können.

3) digitale Schule

Die Digitalisierung in unseren Klassenzimmern hängt Jahre und Jahrzehnte hinterher, der Digitalpakt Schule zündet noch immer nicht und den meisten Schulen fehlt nach wie vor professioneller IT-Support. Diese jahrelangen Versäumnisse lassen sich nicht in wenigen Wochen beheben, aber der Anfang muss endlich geschafft werden: Jede Schule braucht ein digitales Fundament aus Breitbandanschluss, WLAN, Endgeräten, Lernplattformen und Kommunikationswerkzeugen. Das ist leider noch immer keine Selbstverständlichkeit beim Lernen in Deutschland 2021. Für den Digitalpakt brauchen die Länder und Schulträger eine Perspektive, damit die aktuellen Investitionen nachhaltig wirken. Wir brauchen also einen Digitalpakt Plus mit garantiertem IT-Support an jeder Schule sowie eine Bundeszentrale für digitale und Medienbildung, die Lehrer*innen, Schulträger*innen und Interessierte niederschwellig und unkompliziert informiert und geprüftes Lehrmaterial offeriert. Sollte Wechselunterricht wieder nötig werden, muss der Übergang geschmeidig und selbstverständlich vonstattengehen.

4) Bildungsschutzschirm

Mit einem Bildungsschutzschirm erklären Bund, Länder und Kommunen ihre gemeinsame Verantwortung für sicheres Lernen in der pandemischen Notsituation. Es werden ausreichend Impf- und Testangebote zur Verfügung gestellt, es können größere Räumlichkeiten in öffentlichen Einrichtungen genutzt werden, um in Abstand lernen zu können, es gibt ausreichend Hygieneartikel und Masken und klare Stufenpläne für Stabilität und Planungssicherheit.

5) Aufholen

Die zwei Milliarden Euro des sog. Aufholprogramms, um Lernrückstände und die psycho-sozialen Folgen zu verringern, sind ein wichtiger erster Schritt. Im nächsten müssen wir die wirklichen Bedarfe ermitteln. Dazu müssen die Kultusministerien – ähnlich wie es Baden-Württemberg und andere vormachen – die Daten ihrer Vergleichsarbeiten wie VERA der Bildungsforschung zur Verfügung stellen. Auch neue digitale Werkzeuge sollten genutzt werden, um individuelle Bedarfe zu ermitteln und dann passgenau zu unterstützen.

Keines dieser Instrumente kann alleine Präsenzunterricht sichern oder Ausbrüche von Infektionen verhindern. Das Allheilmittel gibt es nicht. Aber in der Kombination ergeben sie eine sichere Lehr- und Lernumgebung in den Klassenzimmern. Wir sind es den Jungen schuldig. Wir müssen den Sommer jetzt nutzen, damit alle Schulen nach den Ferien gewappnet sind. Das Recht auf Bildung gilt auch und gerade in der Pandemie!