Bevor sich die Ministerpräsidenten heute mit der Bundeskanzlerin über das weitere Vorgehen in der Pandemie beraten, habe ich dem Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft (NBR) ein Interview zur Lage an den Schulen gegeben. Darin erläutere ich, wie Lernrückstände aufzuholen sind, welche Rolle die KMK spielen sollte, wie die Digitalisierung beschleunigt werden kann und warum Schulen mehr Entscheidungsspielraum und gleichzeitig Planungssicherheit brauchen:


Frau Stumpp, wären verkürzte Sommerferien sinnvoll?

 Sowohl Lehrkräfte als auch Schülerinnen und Schüler werden nach diesem anstrengenden Schuljahr die Ferien dringend zur Erholung brauchen. Außerdem werden wenige Wochen zum Aufholen der Defizite nicht reichen, sie können allenfalls ein zusätzliches Angebot sein. Deswegen sollen solche Angebote in den Ferien allenfalls auf freiwilliger Basis angeboten werden. Viel wichtiger und sinnvoller ist es, eine mittelfristige Strategie zum Aufholen von Lernlücken zu entwickeln. Dafür könnte man auch Lehramtsstudierende und pädagogisch geschulte Freiwillige als Mentoren einsetzen oder auch kurzfristig Nachhilfe- oder Aufholangebote schaffen.

Wer entscheidet über die Ferien?

Es wäre natürlich wünschenswert, wenn die Kultusministerkonferenz in der Pandemie endlich anpacken und gestalten würde, statt nur den kleinsten gemeinsame Nenner zu verwalten und sich von den Ministerpräsidenten treiben zu lassen. Die Entscheidung über die Ferien ist reine Länderzuständigkeit. Mir wäre es wichtiger, klare Ziele zu definieren und dann die Schulen und Schulträger die besten Lösungen vor Ort entwickeln zu lassen. Was sie dafür brauchen, sind zusätzliche Ressourcen, die auch von Seiten des Bundes flexibel zur Verfügung gestellt werden könnten. Wenn wir eines gelernt haben, dann die Tatsache, dass es für die Schulen keine one-size-fits-all-Lösungen geben kann.

Warum scheitert der Fernunterricht wie beim Berliner Lernraum?

Die Schulen hierzulande waren auf die Pandemie nicht vorbereitet, weil die Digitalisierung über Jahre verschlafen wurde. Die Länder haben abgewartet, bis der über Jahre angekündigte Digitalpakt Schule endlich kommt. So wurden viele Jahre verloren, was sich gerade in der aktuellen Ausnahmesituation böse rächt. Andererseits gibt es Schulen, die hervorragend gerüstet sind, weil sich Lehrkräfte schon seit Jahren in Sachen Digitalisierung engagieren. Mit dieser Kompetenz hätte man „Einsatzteams“ bilden können, die ihr Wissen in der Krise schnell an andere Schulen weitergeben können.

 Wo hakt es beim Digitalpakt?

Viele Schulen und Schulträger sind überfordert, ein Medienkonzept für ihre Schule zu entwerfen, das die Grundlage für den Antrag auf Fördermittel ist. Leider kamen mit der Pandemie wieder unzählige neue Aufgaben auf die Schulen zu, die dringlicher waren. Die zügige Umsetzung scheitert also an der Bürokratie. Daneben habe ich von Beginn an kritisiert, dass der Digitalpakt keine IT-Fachkräfte für die Administration an den Schulen vorsieht. Doch ohne diese wird es nicht gehen. Solange die Schuldigitalisierung alleine an engagierten Lehrkräften und Schulleitungen hängt, wird der Digitalpakt nicht zünden können. Ein dritter Grund ist der fehlende didaktische Unterbau: Viele Lehrer sind bisher weder im Studium noch in der Fortbildung zwingend mit digitalem Lehren in Berührung gekommen.


Das Interview ist auch zu finden beim Schwäbischen Tagblatt, der Heidenheimer Zeitung (€) und der Südwest Presse (€).