Am Donnerstag wird im Bundestag unser Antrag “Wege aus der Bildungskrise” diskutiert. Wir stellen darin Lösungsansätze vor, um durch Corona entstandene Bildungsrückstände aufzuholen. Mit der Berliner Zeitung habe ich exklusiv über den Antrag, Bildungsgerechtigkeit und Lehrer*innenmangel gesprochen.
 



Im  Antrag “Wege aus der Bildungskrise“ fordert die Grüne Fraktion einen Bildungsschutzschirm für Kinder und Jugendliche. Wie soll dieser Schirm aufgespannt werden, welche Ressourcen wollen Sie mobilisieren?

Wir steuern auf eine Bildungskrise zu, die früher oder später auch andere Krisen sozialer und finanzieller Art zur Folge haben wird, wenn wir jetzt nicht energisch handeln. Bildung ist das Tor zu unserer Gesellschaft, für viele Kinder aus armen Verhältnissen das einzige. Um dieses Tor offen zu halten, müssen wir angemessen Geld in die Hand nehmen. Wir sehen, dass die Lufthansa beispielsweise mit Milliardensummen gerettet wird, ähnliches müssen wir auch für die Bildung tun. Allein der Sanierungsrückstau der Schulgebäude in den Kommunen beträgt etwa 43 Milliarden Euro. Wir haben eine extremen Lehrkräftemangel. Da müssen wir uns nichts vormachen, diese Herausforderungen werden viel Geld kosten. 

Was genau schlagen sie in Hinblick auf Lernrückstände vor?

Der erste Schritt wäre, ein Forschungsprogramm aufzulegen, das die Lernrückstände die Schülerinnen und Schüler vor und nach der Pandemie systematisch erfasst.  Dabei ist auch die Herkunft der Schülerinnen zu berücksichtigen, um Bildungsungleichheiten gezielt abzubauen. Dafür wollen wir die Schulsozialarbeit stärken, Bildungslotsen und Mentorinnen einsetzen. 

Auf dem leergefegten Markt für Lehrkräfte, wer kommt da als Bildungslotse noch in Frage? 

Pensionierte Lehrkräfte, Masterstudierende, Freiwillige mit pädagogischer Erfahrung…

Wie sollen die Bildungslotsen rekrutiert und finanziert werden? In Berlin wurden die sogenannten “Lernbrücken” ja über Träger der Jugendhilfe organisiert. 

Da soll der Bund finanziell mit einsteigen. Wir haben das Grundgesetz im Paragraf 104c zu Beginn der Legislaturperiode geändert. Diese Änderung bietet jetzt die Grundlage dafür, dass der Bund beim Aufspannen eines Bildungsschutzschirms helfen kann. Wenn man keine Freiwilligen findet, kann man auch professionelle Hilfe bezahlen. 

Würden Sie diese in den Schulalltag integrieren?

Ich finde es wichtig, dass die Entscheidungshoheit in den Schulen bleibt und dass man dann diese zusätzlichen Angebote in den Schulen stattfinden lässt. Das ist auch koordinatorisch das einfachste. Wir wollen ja perspektivisch hin zu einem Ganztagsmodell, in einen gut rhythmisierten Ganztag kann man diese Maßnahmen leicht einbeziehen. 

Das Aufholen der Lernrückstände aus dem vergangenen Jahr muss schnell und kurzfristig geschehen. Langfristig muss dafür gesorgt, dass es in Deutschland wieder mehr Chancengleichheit gibt.

Sie fordern Ausgaben für Brennpunktschulen von 400 Millionen Euro jährlich. Eine ganz andere Hausnummer als bisher und ziemlich kühn in der jetzigen Debatte, oder?

Ich finde das überhaupt nicht kühn, sondern logisch. Der Bildungserfolg hängt in Deutschland noch immer viel zu stark vom Elternhaus und von der Postleitzahl ab. Hier sagt die Bildungsforschung seit langem, dass wir, um Abhilfe zu schaffen, vor allem mehr Ressourcen in Schulen in benachteiligten Gegenden stecken müssen – in qualifiziertes Personal, bessere  Ausstattung, moderne Räumlichkeiten. Also brauchen wir logischer Weise ein starkes Förderprogramm für genau diese Schulen. Wer es ernst meint mit der Bildungsgerechtigkeit hierzulande, muss Geld in die Hand nehmen. 

In Berlin sind solche Programme aber auch trotz hoher Summen für Brennpunktschulen teilweise wirkungslos verpufft. Sie fordern finanzielle Autonomie für die Schulen, aber wie stellen wir dann sicher, dass die Geldern sinnvoll eingesetzt werden?

Es muss ein Nachweis erbracht werden, wofür die Gelder verwendet werden. Es sollte sich auf Schwerpunktsetzungen für den Einsatz der Gelder verständigt werden: Wir wollen eine gute Personalversorgung, da kann man Schlüssel definieren, die erreicht werden sollen. Wir sollten dann aber auch den Schulträgern und Schulleitern vertrauen, dass sie wissen, wofür sie das Geld, natürlich innerhalb gewisser Leitplanken, ausgeben müssen. Es gibt Bereiche, in denen öffentliche Gelder viel unregulierter fließen. 

Ihr Antrag heißt “Wege aus der Bildungskrise” – aber wo ist der genaue Plan für eine Verbesserung der Personalsituation und der Unterrichtsqualität? Die Kinder kommen gerade auch hier in Berlin mit gewaltigen Wissenslücken aus der Grundschule. Allein bis zum Sommer brauchen wir über 2500 weitere Lehrkräfte: Wo kriegen wir die her und wie stellen wir sicher, dass wir in den nächsten Jahren mehr Lehrkräfte ausbilden?

Das ist eine große Herausforderung. Wir müssen die Ausbildungskapazitäten an den Hochschulen hochfahren! Auch müssen den Beruf wieder attraktiver machen, indem wir zum Beispiel Lehrkräfte von Aufgaben entlasten, die nicht zu ihrem Beruf gehören. Lehrkräfte müssen heute ungeheuer viele organisatorische Aufgaben bewältigen, da müssen wir ihnen mehr Freiräume schaffen!   

Welche Möglichkeiten gibt es noch, um gegen den Lehrkräftemangel vorzugehen?

Der Beruf braucht wieder mehr Ansehen. Zumindest in diesem Punkt hatte die Pandemie eine positive Wirkung. (Lachend) Durch das Homeschooling ist die Wertschätzung für den Lehrkräfteberuf ganz gewiss gestiegen. Wir sollten die Sinnhaftigkeit dieses Berufes wieder sichtbarer machen. Sie war es, die mich als Ingenieurin angetrieben hat, mich für den Beruf der Lehrerin zu entscheiden. Jetzt bin ich Bildungspolitikerin – auch das mit Leidenschaft  – aber ich vermisse es, mit jungen Menschen zu arbeiten. – Natürlich müssen wir aber auch finanziell nachsteuern, gerade im Grundschulbereich. Da gibt es in manchen Bundesländern im Vergleich zu den anderen Schularten ein eklatantes Gefälle.  

 Welche Spielräume sehen Sie, um den Bildungsföderalismus zu modernisieren?

Auf Grund der jüngsten Grundgesetzänderung haben wir schon jetzt gewisse Spielräume, für die Verhandlungen über einen Digitalpakt Plus zum Beispiel, den wir als Grüne fordern. Das Problem ist aber, dass dafür oft ungemein komplizierte Verwaltungsvereinbarungen abgeschlossen werden müssen. Wenn dann einzelne Bildungsministerinnen der Länder Mittel vom Bund blockieren können, wird es sehr schwer. Beispielsweise ist das geschehen, als in Baden-Württemberg Investitionen in Ganztagsschulen blockiert wurden oder in NRW Mittel, die für Lehrer-Laptops gedacht waren. Das hat dann nichts mehr mit Bildungshoheit zu tun, sondern sind Machtspiele. Deswegen plädieren wir Grünen dafür, das Kooperationsverbot von Bund und Ländern zu einem Kooperationsgebot zu machen. Die letzten drei Bildungsministerinnen – Wanka, Schavan und jetzt Karliczek – haben immer drei Jahre gebraucht, bis sie eingesehen haben, dass der heutige Bildungsföderalismus nicht taugt für größere Innovationen und damit Bildungsgerechtigkeit im Weg steht. 


Das Interview ist in der Berliner Zeitung erschienen.