Anlässlich der intensiven und durch die Pandemie verschärften Debatte über die Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem, spreche ich mich immer wieder für eine bildungspolitische Gerechtigkeitsoffensive aus.

Zu diesem Vorhaben wurde mein Gastbeitrag “Jedes Kind ist exzellent” in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht:

“Jedes Kind ist exzellent

Warum wir einen Gerechtigkeitsboost an unseren Schulen brauchen und dafür Ungleiches ungleich behandeln müssen.

Bildung eröffnet Zukunftschancen, und doch hängen sie hierzulande vom Zufall ab. Vom Zufall, wo und in welches Elternhaus ein Kind geboren wird. Durch diese Vorbestimmung werden individuelle Möglichkeiten verbaut und Talente vergeudet. Jede Bildungsstudie unterstreicht diesen Befund aufs Neue, doch es ändert sich nichts. Und in der Pandemie öffnet sich die soziale Schere noch weiter; die Benachteiligten werden weiter abgehängt.

Eine Gute-Bildung-für-alle Garantie ist dringender und nötiger denn je. Und das heißt konkret, dass wir die Schulen ganz besonders unterstützen müssen, an denen sich die Problemlagen häufen. Es kann nicht sein, dass die Kinder mit den schlechtesten Startchancen auch noch in die schlechtesten Schulen gehen müssen.

Stattdessen brauchen wir ein „Aufholprogramm für Schulen in benachteiligten Regionen und Quartieren“. Statt weiterhin Geld mit der Gießkanne zu verteilen – im Beamtendeutsch Königsteiner Schlüssel genannt – und so die Ungleichheit zu verschärfen, muss die Bedürftigkeit und soziale Realität zum entscheidenden Kriterium werden, etwa mit Hilfe von Sozialindizies wie Arbeitslosigkeit, Kinderarmut oder Familieneinkommen.

Als gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung sollten über fünf Jahre mindestens zwei Milliarden Euro mobilisiert werden, um endlich multiprofessionelle Teams in den Schulen zu etablieren. Diese entlasten gezielt die Lehrerinnen und Lehrer, ermöglichen individuelle Förderung oder gehen gezielt Lernrückstände an. Je nach Schule gehören zu diesen Teams etwa Medien- und Musikpädagoginnen und -pädagogen, Sozialarbeitende und –psycholginnen und -psychologen oder IT-Fachkräfte.

Die unterschiedlichen Professionen arbeiten auf Augenhöhe und entwickeln gemeinsam und gleichberechtigt die Vision ihrer Schule. Die verantwortungsvolle Begleitung und Förderung der jungen Menschen wird auf mehrere Schultern verteilt, und die Schülerinnen und Schüler bekommen Hilfe aus den verschiedenen Fachrichtungen und deren spezifischen Blickwinkeln. Und die Lehrkräfte können endlich wieder konzentriert ihrer eigentlichen Aufgabe nachgehen, nämlich guten Unterricht zu gestalten.

Guter Unterricht und Kompetenzerwerb setzt voraus, dass die Kommunikation reibungslos funktioniert und sich alle an der Schule verständigen können. Eine gemeinsame Sprache ist Grundvoraussetzung für jeden Bildungserfolg. Daher muss ein zweiter Schwerpunkt des Programms Alphabetisierungs- und Sprachangebote sein. Dazu zählen beispielsweise Deutsch als Zweitsprache oder individuelle Sprachförderung.

Ein solches Förderprogramm wirkt stärker und nachhaltiger, je besser Bund, Länder und Kommunen zusammenarbeiten. Es hätte keiner Pandemie bedurft, um festzustellen, dass der deutsche Bildungsföderalismus weder gerecht noch krisenfest ist. Wir sollten daraus nun endlich die Konsequenz ziehen und aus dem Kooperationsverbot ein Kooperationsgebot machen, damit alle föderalen Ebenen gemeinsam für beste Bildung und Zukunftschancen einstehen.

Ein solcher bildungspolitischer Aufbruch wird mehr Kraft entfalten, wenn er um weitere Gerechtigkeitskomponenten ergänzt wird. Dazu zählen der umfassende Ausbau von Ganztagsschulen, die zügige digitale Grundausstattung aller Schulen, ein Digitalpakt plus sowie eine Gemeindefinanzreform, damit alle Kommunen in ihrer Rolle als Schulträger dauerhaft für gute Schulen vor Ort sorgen können.

Der Investitionsstau an unseren Schulen beträgt mehr als 40 Milliarden Euro. Wenn uns Bildung wirklich so wichtig ist, wie in vielen Sonntagsreden und jetzt im Wahlkampf immer gerne betont wird, dürfen wir die Kommunen mit dieser Aufgabe nicht alleinelassen.

Der Besuch der „falschen“ Schule grenzt aus, stigmatisiert und demotiviert junge Menschen. Dabei wissen wir nicht erst seit den Schulschließungen, wie wichtig Schulen auch als soziale Orte sind, wo Kinder gemeinsam lernen, leben, lachen, wachsen, Mut tanken und Selbstbewusstsein entwickeln.

Sie sollen sich zugehörig fühlen und stolz auf ihre Schule sein können. Jedes einzelne Kind hat die beste Bildung und echte Zukunftschancen verdient. Das ist unser Auftrag und muss endlich auch Realität werden. Bildung ist und bleibt die wichtigste Investition für unsere Zukunftsfähigkeit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.”