Mit dem Redaktionsleiter des Bildung.Table, Chrisitan Füller, habe ich über die Digitalisierung an Schulen gesprochen.

Frau Stumpp, die Initiative D21 hat die gefühlt 150. Studie herausgegeben. Mit welchem Gewinn?

Egal, welche Studie ich lese, ob vom Bitkom, von D21 oder von Bertelsmann. Die Analyse ist immer dieselbe, und das ist schon fast seit fast 40 Jahren so, denn so lange gibt’s schon Digitalisierung. Was diese Studien gemein haben ist, dass sie keine Lösungsansätze bieten. Dafür wäre es notwendig, dass Politik das Ohr bei den Betroffenen hat, dass sie die Pädagoginnen und Pädagogen einbezieht genau wie die Kinder und Jugendlichen.

Nur ein Beispiel: Was bedeutet es eigentlich, wenn bei D21 neun von zehn der Befragten unter 60 Jahren angeben, sie könnten mit Google im Internet recherchieren. Heißt das, dass sie recherchieren können? Oder dass sie keine Ahnung von Datensicherheit haben, weil sie Google nutzen?

Man kann sich über die Architektur jeder Studie streiten. Mir sind aber die Kinder wichtiger. Es nützt uns herzlich wenig, wenn wir zum Beispiel wissen, dass die meisten Kinder Anwendungskompetenzen haben. Klar haben die das. Aber viel wichtiger wäre es ja, dass sie auch die technologische Perspektive bekommen.

Was bedeutet das?

Dass sie früh lernen, wie Algorithmen funktionieren. Dass sie verstehen, wie sich Kommunikationsmechanismen verändern und dass sie auch einen Blick auf die gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen bekommen. Digitale Bildung ist also viel mehr als nur Anwendungskompetenz, es ist auch eine technische und eine soziale Kompetenz, die da mitschwingt. Alles zusammen nenne ich informatische Kompetenz und die müssen wir in den Schulen vermitteln – und in der Gesellschaft insgesamt.

Interessanterweise geht es in der D21-Studie überhaupt nicht um Schulen. Die jüngsten Befragten sind 14 Jahre alt – trotzdem diskutieren jetzt alle über digitale Bildung in der Grundschule. Brauchen Sechsjährige wirklich Tablets, Frau Stumpp?

Es geht nicht darum, ob eine Grundschule Tablets braucht, sondern in welcher Hand sich das Gerät befindet. Und zu welchem Zweck es benutzt wird. Befindet sich das Tablet in der Hand der Lehrkraft, die damit zum Beispiel die Anzeige auf ein Smartboard steuert…

… dann ist das in Ordnung?

Nein, dann ist das notwendig. Oder kleben die Kinder am Tablet, weil sie ein Spiel fesselt…

… dann wäre das falsch? 

Da gibt es vieles dazwischen. Digitale Medien sind ja nicht nur Tablets, sondern viele unterschiedliche Medien und Apps, Geräte, die steuerbar sind und zum Beispiel Logik trainieren. Basales Programmieren kann man auch ohne Bildschirm und Tastatur üben. Wichtig ist, dass Pädagoginnen über Kompetenz und Erfahrung verfügen, damit sie entscheiden können, wann und wie digitale Medien eingesetzt werden können. In der Grundschule ist Medienkompetenz besonders wichtig – also dass Kinder den bewussten Umgang mit Medien lernen und den Schutz der eigenen Person nicht vergessen.

Ab welchem Alter würden sie Tablets in der Grundschule einsetzen – und zu welchem Zweck?

Das Tablet muss früher kommen, schon in der Kita. Aber eben in der Führung der Erzieher:innen. Die Kinder kriegen doch zu Hause die Tablets in die Hand gedrückt – damit sie Ruhe geben. Kinder müssen lernen, dass es das nicht sein kann.

Wie soll das denn gehen?

Es braucht pädagogische Anreize. Das kann mal ein visueller sein, indem etwas auf dem Tablet gezeigt wird. Oder auch ein konstruktiver, indem die Kinder eine Übungssequenz auf dem Tablet absolvieren oder es zur Dokumentation eines analogen Waldspaziergangs benutzen. Aber die Zeit wird in diesem Alter stets begrenzt, und dann kommt das Tablet eben auch wieder weg. Das ist enorm wichtig – auch weil Eltern das entweder kaum machen oder nicht durchsetzen.

Das ist nicht sehr konkret – und kaum praktikabel für gestresste Eltern.

Sie wollen eine einfache Regel. Aber ich kann ihnen auch als gelernte Pädagogin kein simples Rezept geben und sagen, in diesem Alter darf das Tablet so lange in der Hand des Kindes bleiben und im anderen Alter dann wieder anders.

Warum nicht?

Die Aufgabe ist, mit den unterschiedlichen Anwendungsmöglichkeiten souverän umzugehen. Die Pädagoginnen und Pädagogen vor Ort müssen einschätzen, wann es genug ist. Das bedeutet, die Möglichkeiten eines digitalen Mediums zu zeigen – und dann aber auch klarzumachen, jetzt hat das Tablet seinen Zweck erfüllt. Jetzt kommt es wieder weg, und dann schreiben wir analog, dann lesen wir analog, dann rechnen wir analog. In der Sekundarschule sieht das natürlich ganz anders aus.

Keine Faustregel?

Doch, aber die wird Ihnen nicht gefallen. Es geht darum, digitale Medien zielgerichtet einzusetzen. Kinder müssen lernen, dass digitale Medien nur ein Mittel zum Zweck sind – und dürfen niemals Selbstzweck sein.

Zurück zur neuen D21-Studie. Sie haben eine „Bundeszentrale für digitale und Medienbildung“ vorgeschlagen. Das heißt, sie gehen denselben Weg – top down.

Nein, mein Vorschlag für die Bundeszentrale für digitale und Medienbildung ist nichts, das von oben nach unten durchdekretiert wird. Der geht von jeder und jedem Einzelnen aus, der und die beteiligt und ermächtigt werden soll. Ich habe die Idee aus meiner praktischen Erfahrung als Netzwerk- und Medienberaterin der ersten Stunde entwickelt – seit 25 Jahren.

Was ist die Idee?

Wir brauchen eine niedrigschwellige Anlaufstelle für Pädagog:innen und für Eltern. Die interessierte Öffentlichkeit muss leichten Zugang bekommen.

Was unterscheidet Ihre Cloud von den bundesweiten Lernwolken wie Mundo oder WirLernenOnline, aus denen sich Lehrer Lernmaterialien herunterladen können?

Wir wollen keine neue Cloud installieren, sondern eine zentrale Anlaufstelle der Vernetzung und Qualitätssicherung. Das Problem im Moment ist doch, dass die Länder bereits viele Bildungsinstitute und Schulclouds haben, die aber selbst bei den eigenen Lehrkräften kaum bekannt sind. Wer von den 800.000 Lehrkräften kennt Mundo  und WirLernenOnline? Außerdem gibt es viele gute Initiativen abseits der institutionalisierten Strukturen. Wir wollen den Lehrkräften und allen Interessierten eine Orientierung in dieser Vielfalt geben. Die sollen sehen, was diese Systeme jetzt bereits können.

Die Idee Ihrer Bundeszentrale wurde sogleich von Digitalministerin Dorothee Bär übernommen. Ein Ritterinnenschlag?

Dorothee Bär hat zwar den Titel „Bundeszentrale“ geklaut, aber den Ansatz digitale Aufklärung nicht verstanden. Bei ihr ist ja auch nur eine dünne Webseite draus geworden. Bei meinem Ansatz können sich alle informieren, die sich im Dschungel der Angebote nicht zurecht finden – auch ratsuchende Journalist:innen. Der Bedarf ist riesig.

Das heißt, Sie und Frau Bär könnten zusammen eine neue digitale Aufklärungzentrale einrichten?

Dorothee Bär kann gerne die Hülle organisieren. Wir Grüne koordinieren dann Inhalte, die ja schon von vielen Projekten und Institutionen erstellt werden. Und wir sorgen dafür, dass jeder Mensch das nutzen kann – qualitätsgeprüft, ansprechend präsentiert, niederschwellig und verständlich.