Neue SÜDWESTGRÜN-Ausgabe: Beitrag zur digitalen Bildung
Quelle: SÜDWESTGRÜN April 2020

Neue SÜDWESTGRÜN-Ausgabe: Beitrag zur digitalen Bildung

Bildung, Corona und plötzlich digitale Klassenzimmer

Eines ist sicher: Die Corona-Pandemie wird das Schulsystem nachhaltiger verändern als sämtliche Bildungsreformen von Bund und Ländern in der letzten Jahren zusammen. Das ist sowohl Ausdruck der Covid-19-Krise als auch politischer Versäumnisse. Angesichts der Lage wird einfach gemacht und das ist auch gut so: Die Anmeldezahlen der Lernplattformen schießen durch die Decke, die Server ächzen an der Belastungsgrenze, die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen werden zum virtuellen Klassenzimmer und Lehrkräfte machen möglich, was irgendwie nur geht. Das ist der Situation angemessen, besser wäre es natürlich gewesen, solche Systeme mit Bedacht aufzubauen: dezentrale und zentrale Server, datenschutzkonforme Clouds, Befähigung der Lehrkräfte und Schüler*innen. Die Liste ließe sich endlos fortsetzten.

Dank und Respekt für die pädagogischen Fachkräfte

Dabei ist klar: Die Rahmenbedingungen sind nicht ideal, aber der Einsatz und das Engagement der Lehrerinnen, Lehrer, Schulleitungen und Schulträger, das Beste aus der aktuellen Situation zu machen, ist enorm. Dafür gebührt ihnen besonderer Dank und Wertschätzung.

Von wegen Coronaferien: Nach meiner Einschätzung und den Informationen, die ich bekomme, arbeiten alle Beteiligten seit Wochen mit Hochdruck daran, sämtliche Wege zu nutzen, Schülerinnen und Schüler weiterhin mit Aufgaben, Material, Tutorials, Links, Arbeitsblättern, Stoffsammlungen kurz: allem Notwendigen zu versorgen, um dem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Meinen herzlichen Dank dafür an dieser Stelle!

Digitalpakt+: Schulen brauchen IT-Personal

In dieser Situation hilft der Digitalpakt Schule auch nur begrenzt. Seit einem Jahr sollen nun 5 Milliarden Euro an die Schulen fließen, angekommen ist erst ein Bruchteil, in manchen Ländern wurde noch kein Cent ausgegeben – trotz wirklich langer Vorlaufzeit. Der Digitalpakt wurde über Jahre angekündigt, leider haben in dieser Zeit viele, vor allem finanziell klammeSchulträger gewartet statt investiert, was sich nun rächt. Jetzt wird langsam nachgeholt, was eh schon zu spät kam und zu wenig ist. Und dann auch noch Corona.

Wir haben die Grundgesetzänderung mitgetragen, damit endlich auch der Bund seiner Verantwortung für die Bildungsfinanzierung gerecht wird. Ein Punkt war dabei zentral: Der Bund darf jetzt endlich auch befristet (auch nicht-pädagogisches) Personal finanzieren, aber das wurde im Digitalpakt durch die vorauseilende Bund-Länder-Vereinbarung unverständlicherweise explizit ausgeschlossen; ein großer Fehler. Nachdem sich Bund und Länder inzwischen geeinigt haben, in dieser Bildungskrise Digitalpaktmittel außerplanmäßig für Lernsoftware nutzen zu können – was ich unbedingt unterstütze –, brauchen wir jetzt auch eine Öffnung für IT-Personal an den Schulen, damit diese schnellstmöglich kompetent und in der Breite auf digitales Lernen umschalten können.

Die aktuelle Situation mit Homeschooling, E-Learning und virtuellen Klassenzimmern dienen als Katalysatoren für die Digitalisierung der Bildung, die unbedingt genutzt und gestaltet werden muss. Es ist allen Beteiligten klar, dass der Digitalpakt nur eine Anschubfinanzierung sein kann. Wir brauchen einen Digitalpakt+ zur Verstetigung, mindestens zur Weiterführung. Alles andere wäre fahrlässig und unverantwortlich und würde unnötigerweise Vertrauen verspielen.

Auch digitale Bildung muss gerecht sein

Digitaler Unterricht darf die Bildungsungerechtigkeit nicht noch weiter vergrößern. Den Bildungserfolg vom Elternhaus zu entkoppeln, bleibt auch und gerade bei der Digitalisierung des Unterrichts oberste bildungspolitische Priorität. Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass alle Schülerinnen und Schüler ein Endgerät zur Verfügung haben, mit dem sie bei den – aktuellen und künftigen – digitalen Bildungsangeboten mitmachen können. Wer digitales Lernen zur Regel macht – und das passiert gerade – muss auch die entsprechenden Lernmittel zur Verfügung stellen.

Digitalisierung darf nie zum Selbstzweck werden, sondern muss immer den Erfordernissen der Pädagogik folgen. Das heißt konkret, auch die zu unterstützen, die nicht so schnell folgen können und besondere Förderung brauchen.

Bundeszentrale für digitale und Medienbildung

Um diesen aktuellen digitalen Bildungsschub nachhaltig zu gestalten und dem Digitalpakt doch noch zum Erfolg zu verhelfen, müssen wir zwingend die Lehrkräfte in die Lage versetzen, die vorhandenen digitalen Werkzeuge didaktisch sinnvoll einzusetzen und bestehende Angebote zu finden und zu nutzen. Wie groß der Bedarf ist, hat erst kürzlich die ICILS-Studie gezeigt, nach der deutsche Schüler*innen nur über mittelmäßige Digitalkompetenzen verfügen. Es ist jetzt Aufgabe von Bund und Länder, das zu ändern.

Aus diesem Grund habe ich das Konzept einer „Bundeszentrale für digitale und Medienbildung“ in den Bundestag eingebracht. Lehrkräfte und alle Interessierten sollen eine zentrale Anlaufstelle bekommen, statt sich selbst durch den Dschungel an Angeboten on- und offline schlagen zu müssen. Ihnen ist nicht zuzumuten, selbst herauszufinden, ob ein Angebot geeignet, unabhängig oder qualitativ in Ordnung ist. Das macht die neue Bundeszentrale für sie, indem sie bestehende Angebote bündelt, auf Qualität überprüft und ansprechend präsentiert; online und als App. Mit der Marke „Bundeszentrale“ und einem jährlichen Budget von 10 Millionen Euro machen wir deutlich, dass es sich hier nicht nur um ein weiteres Projekt neben vielen anderen handelt, sondern wir digitale und Medienbildung auf eine neue Stufe mit einer starken Dachstruktur heben, die vertrauenswürdige Angebote niederschwellig zugänglich macht.

Bedarf nach Angeboten steigt stetig

Bereits während meiner eigenen Lehrtätigkeit an der HeidTech in Heidenheim, wo ich auch für die Systemadministration verantwortlich war, habe ich immer wieder gemerkt, dass viele Kolleg*innen Berührungsängste mit neuen technischen Möglichkeiten haben und sich davor scheuen, diese im Unterricht einzusetzen. Dies wurde mir auch in vielen Gesprächen von anderen Praktiker*innen berichtet. Ein Grund sind Zweifel an der Zuverlässigkeit der Technik und schlechte Erfahrungen mit der Funktionsfähigkeit der Hardware. Deswegen brauchen Schulen eine verfügbare und verlässliche Administration. Ein anderer Grund ist die fehlende Orientierung im Dschungel der digitalen Angebote. Der Bedarf an vertrauenswürdigen Angeboten und einer kompetenten Anlaufstelle besteht nicht erst seit Umsetzung des Digitalpakts und erfährt im Zuge der aktuellen Schulschließungen eine ungeahnte Dynamik.

Mit der Bundeszentrale für digitale und Medienbildung wollen wir einen Aufbruch einläuten für mehr Kompetenzen in den Bereichen Digitalisierung, Informatik und Medien. Sie ebnet den Weg, den digitalen Wandel selbstbestimmt, kompetent und kritisch zu gestalten, jetzt und in hoffentlich bald wieder geregelteren Zeiten.

Die gesamte April-Ausgabe der SÜDWESTGRÜN mit den Beiträgen aller baden-württembergischen Bundestagsabgeordneten gibt es HIER.

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